Vor elf Jahren haben wir begonnen. Nicht mit einem Plan, sondern mit einer einfachen Verschiebung: raus aus der Blackbox, rein in die Stadt – brut+. Die Idee entstand im Künstlerhaus. Es ging darum, die eigenen Bedingungen infrage zu stellen: den geschlossenen Raum, die klare Trennung zwischen Bühne und Außen, zwischen Kunst und Alltag.
Schon mit der Eröffnung im Herbst 2015 haben wir diese Grenze bewusst geöffnet. Theater sollte nicht nur im geschützten Raum stattfinden, sondern dort, wo Reibung entsteht – in der Stadt, in ihren Zwischenräumen, in unterschiedlichen Öffentlichkeiten. Gestartet hat alles mit dem Autoballett von mercimax und einem Leerstand in der Praterstraße, der von Marino Formenti und Ann Liv Young bespielt wurde.
Was zunächst als Erweiterung gedacht war, wurde zu einer anderen Arbeitsweise. Performance nicht mehr an einem Ort zu verankern, sondern im Verhältnis zu denken: zu Architekturen, zu Übergängen, zu sozialen Situationen.
Und dann wurde aus einer künstlerischen Entscheidung eine strukturelle Realität. brut musste das Künstlerhaus verlassen. Der Abschied im Herbst 2017 stand unter dem Motto: „Can I stay at yours? It’s only for a year.“ Gemeint war ein Übergang. Eine temporäre Lösung. Die Rückkehr schien gesetzt. Es kam anders.
Die folgenden Jahre waren geprägt von Bewegung: Von 2017 bis 2021 bespielten wir über hundert Orte in ganz Wien. brut all over Vienna war nicht nur ein Motto, sondern Realität. New Art on Stage hieß plötzlich auch: Was ist eigentlich eine Bühne?
Wir arbeiteten in bestehenden Kulturhäusern, in temporären Räumen, in Leerständen, im Stadtraum – an Orten, die oft erst durch ihre Nutzung zu Spielstätten wurden. Jeder Ort brachte eigene Bedingungen mit sich: technisch, organisatorisch, ästhetisch. Es gab keine neutrale Bühne, keine verlässliche Blackbox, kein Zurück ins Gewohnte. Stattdessen: permanente Übersetzung, Anpassung, Bewegung. Und: ein Publikum, das mitgegangen ist. Das Wege auf sich genommen, Neues entdeckt, sich auf unbekannte Situationen eingelassen hat. Darin lag eine eigene Spannung – im Ankommen, im Suchen, im gemeinsamen Erproben dessen, was ein Aufführungsort sein kann. Und: Künstler*innen, die genau damit gearbeitet haben. Die Bedingungen nicht neutralisiert, sondern genutzt haben. Die Räume gelesen, verschoben, herausgefordert haben – in dieser Unbeständigkeit neue Formen entwickelt haben.
Diese Jahre waren produktiv und erschöpfend zugleich – für das Team, für die Künstler*innen, für die Institution. Über vier Jahre hinweg, die Pandemie eingeschlossen, arbeiteten wir im Modus eines dauerhaften Festivals: parallel produzieren, organisieren, improvisieren.
Und trotzdem haben wir etwas gehalten: Kontinuität in der Zusammenarbeit. Die Zahl der Koproduktionen blieb stabil, lokale Künstler*innen und Gruppen wurden gezielt gestärkt. brut blieb auch ohne festen Ort eine verlässliche Produktionsstruktur.
Gerade in dieser Zeit wurde für uns klar: brut war nie nur ein Haus. Sondern eine Praxis – ermöglicht durch Künstler*innen, Publikum und vor allem durch ein Team, das diese Bewegung organisierte, aus- und zusammenhielt.
Diese Jahre waren nicht nur Bewegung, sondern Beziehung: zu Künstler*innen, zu Partner*innen, zum Publikum, zu Räumen – und zu einer Stadt, die immer wieder neu gelesen werden musste. Viele Künstler*innen kamen genau deshalb auf uns zu. Mit Ideen, die ohne diese Offenheit nicht entstanden wären: ortsspezifisch, risikobereit, an konkrete Situationen gebunden. Dass es in Wien eine Institution gab, die nicht an ein Haus gebunden war, wurde von manchen ausdrücklich als Vorteil gesehen. Gleichzeitig wurde immer deutlicher: Dauerbewegung ist kein Zustand, auf den sich aufbauen lässt. Wir suchten nach einem neuen permanenten Ort – und brauchten zugleich eine Zwischenlösung, die mehr sein musste als ein Provisorium.
Im Sommer 2020, mitten in der Pandemie, fiel die Entscheidung der Stadt Wien: Die ehemalige Zentralbank in Neu Marx wird die künftige Spielstätte von brut. Die Zukunft war damit benannt, der Raum aber noch nicht bespielbar.
Fast gleichzeitig ergab sich eine andere Möglichkeit: eine leerstehende Fabrikhalle im 20. Bezirk. 1.600 Quadratmeter auf dem Gelände des Nordwestbahnhofs – ein Gebiet im Übergang, dezentral und industriell geprägt: Leerstände, Hallen, Brachen. Was als Zwischenlösung gedacht war, wurde zum Zuhause. brut nordwest blieb fünf Jahre – nicht aus Planung, sondern weil wir gelernt hatten, mit Vorläufigkeit zu arbeiten. Die Halle wurde nicht einfach bezogen, sondern entwickelt: eine Blackbox, ein Grey Space, Probe- und Büroräume, Lager, Infrastruktur.
Und die Garagenbar, entstanden aus der Not der Pandemie, wurde schnell zum Zentrum: ein Treffpunkt, ein Ort zum Bleiben – der sichtbarste Ausdruck dessen, was brut nordwest ausgemacht hat.
Vieles entstand auf diese Weise, nicht geplant, sondern aus Notwendigkeit und Improvisation – und bewährte sich im Gebrauch. Genau darin lag die Qualität dieses Ortes: Er war nie abgeschlossen, nie endgültig, nie fertig.
Ein Ort, der Konzentration ermöglichte, ohne die Beweglichkeit der Jahre davor aufzugeben. Und einer, der bald wieder verschwinden wird.
Der Nordwestbahnhof steht exemplarisch für diese Überlagerung von Sichtbarkeit und Verschwinden – für Veränderung und ein Dazwischen. Industrielle Nutzung, Verdrängung, Erinnerung und kommende Überschreibung überlagern sich. Genau das machte den Ort für brut so wirksam. Wir arbeiteten auf einem Gelände, dessen Vergangenheit nicht abgeschlossen ist – und dessen Zukunft bereits begonnen hatte.
Am Ende dieser Leitungsperiode steht für uns eine Institution, die sich unter Druck verändert hat – und die heute sehr gut dasteht. Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Teams, das über Jahre hinweg unter unsicheren Bedingungen gearbeitet hat – präzise, belastbar, erfinderisch. Ohne dieses Team würde es brut in dieser Form nicht geben. Ebenso wenig ohne die Künstler*innen, die bereit waren, Risiken einzugehen. Und ohne ein Publikum, das nicht nur gekommen, sondern mitgegangen ist.
Was bleibt, ist eine Erfahrung: Performance kann Orte lesen, sich zu Räumen verhalten – und sie verändern. Vielleicht war genau das immer gemeint mit New Art on Stage. Diese Erfahrung ist kein Abschluss. Sie setzt sich fort. Vielleicht sind wir nicht dort angekommen, wo wir ursprünglich hinwollten. Aber wir sind dort angekommen, wo es jetzt Sinn ergibt.
Mit dem neuen Standort von brut schließt sich ein Kreis: Unser allererstes Projekt, das Autoballett von mercimax, fand 2015 genau an diesem Ort statt – auf dem Parkplatz in der Karl-Farkas-Gasse. Damals stieg das Publikum im Künstlerhaus in Autos und fuhr in den dritten Bezirk.
Elf Jahre später lässt sich sagen: Der dramaturgische Bogen stimmt.
Kira Kirsch & Flori Gugger
barrierefrei
Nordwestbahnstraße 8-10, 1200 Wien
U-Bahn: U1, U2 (Praterstern), U4 (Friedensbrücke), U6 (Dresdnerstraße) Tram: 5 (Nordwestbahnstraße) Bus: 5A (Wasnergasse)
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Zieglergasse 25, 1070 Wien
U-Bahn: U3 (Zieglergasse), Tram: 49 (Westbahnstraße / Zieglergasse)
nicht barrierefrei