Das Bild zeigt einen abgedunkelten Raum mit einer großflächigen blauen Installation. In der Mitte liegt eine große, weiche, blüten- oder kissenartige Form aus strukturiertem blauem Material. Darüber hängt eine wellenförmige textile Konstruktion von der Decke. An den Wänden befinden sich weitere schmale, netzartige Objekte. Im Vordergrund stehen zwei kleine, rundliche Gefäße. Der gesamte Raum ist in tiefblaues Licht getaucht. Im Bild ist kein Text enthalten.
Amanda Piña / Studio Fortuna – Ancient Future Climate Bodies
© Mafalda Rakoš

Magazin

Körper, Wasser, Widerstand

Amanda Piña im Interview mit brut-Dramaturgin Hanna Steinmair über ihre Arbeit Ancient Future Climate Bodies

„Mich inspiriert die Möglichkeit, die Narrative zu durchbrechen, die die Ausbeutung und Erschöpfung dessen ermöglichen, was der Westen als ‚natürliche Ressourcen‘ bezeichnet – und die den Kern bilden, was wir als Klimawandel bezeichnen.“

Quelle

Künstler:innen

Amanda Piña

Amanda Piña ist eine in Wien lebende österreichische Künstlerin mit mexikanischer und chilenischer Herkunft. Ihre choreografische Praxis umfasst Performance, Musik, Video und Skulptur und untersucht Kosmopolitik sowie Beziehungen zwischen unseren Körpern und anderen Körpern, wie beispielsweise Gewässern, der Erde, Tieren und Pflanzen. Ihre in indigenen Wissenssystemen verankerte Arbeit wurde international u. a. im mumok, in der Fondation Cartier, im deSingel, im Museo del Chopo und im GAM Santiago gezeigt. 2024 war sie Valeska-Gert-Gastprofessorin für Choreografie an der Freien Universität Berlin.

Das Bild zeigt zwei Personen, die entspannt auf einer großen blauen, kissenartigen Installation liegen. Beide halten jeweils eine große Muschel an ein Ohr und haben die Augen geschlossen. Eine Person trägt ein helles langärmliges Oberteil und Jeans, die andere dunkle Kleidung. Die Szene ist in blaues und violettes Licht getaucht. Im Bild ist kein Text enthalten.
Amanda Piña / Studio Fortuna – Ancient Future Climate Bodies
© Mafalda Rakoš
Das Bild zeigt eine Person mit lockigem Haar und einem hellen langärmeligen Oberteil, die Wasser aus einem großen Glasgefäß in mehrere Gläser gießt. Auf einem kleinen Tisch stehen außerdem ein weiteres Glasgefäß mit weißem Inhalt und ein metallischer Behälter. Die Szene ist dunkel und in blaues Licht getaucht. Im Bild ist kein Text enthalten.
Amanda Piña / Studio Fortuna – Ancient Future Climate Bodies
© Mafalda Rakoš
Das Bild zeigt eine Person mit langem lockigem Haar in Nahaufnahme von hinten. Die Person hält eine große spiralförmige Muschel an das Gesicht beziehungsweise Ohr. Die Muschel füllt einen großen Teil des Bildes und ist hell mit rötlich-braunen Mustern. Die Szene ist in blaues und violettes Licht getaucht. Im Bild ist kein Text enthalten.
Amanda Piña / Studio Fortuna – Ancient Future Climate Bodies
© Mafalda Rakoš
Das Bild zeigt zwei längliche, trichterförmige Objekte aus blauem, netzartigem Material, die an einer dunkelblauen Wand hängen. Beide Formen sind oben breit und laufen nach unten spitz zu. Der Raum ist in intensives blaues Licht getaucht. Im Bild ist kein Text enthalten.
Amanda Piña / Studio Fortuna – Ancient Future Climate Bodies
© Mafalda Rakoš
Das Bild zeigt zwei Personen in einer dunkelblau beleuchteten Installation. Eine Person sitzt im Vordergrund auf einer großen, weichen blauen Form, die andere weiter hinten. Beide halten eine große spiralförmige Muschel an ein Ohr. Im Hintergrund befindet sich eine große rechteckige Projektionsfläche mit grünlich-blauem Licht. Über den Personen hängt eine wellenförmige textile Konstruktion. Im Bild ist kein Text enthalten.
Amanda Piña / Studio Fortuna – Ancient Future Climate Bodies
© Mafalda Rakoš
Das Bild zeigt in Nahaufnahme eine Hand, die auf einer großen, spiralförmigen Muschel liegt. Die Muschel befindet sich auf einer stark strukturierten, netzartigen blauen Stofffläche. Das gesamte Bild ist in intensives blaues und violettes Licht getaucht. Im Bild ist kein Text enthalten.
Amanda Piña / Studio Fortuna – Ancient Future Climate Bodies
© Mafalda Rakoš
Das Bild zeigt zwei Personen, die auf einer großen, weichen blauen Installation liegen und jeweils eine große spiralförmige Muschel an ein Ohr halten. Beide sind von hinten zu sehen und blicken auf eine Projektionsfläche im Hintergrund, auf der eine Unterwasserszene zu erkennen ist. Über ihnen hängt blaues textiles Material von der Decke. Die Szene ist in dunkles blaues Licht getaucht. Im Bild ist kein Text enthalten.
Amanda Piña / Studio Fortuna – Ancient Future Climate Bodies
© Mafalda Rakoš

Interview

Was hat dich zu diesem Thema inspiriert bzw. den Impuls dafür gegeben?

Mich inspiriert die Möglichkeit, die Narrative zu durchbrechen, die die Ausbeutung und Erschöpfung dessen ermöglichen, was der Westen als „natürliche Ressourcen“ bezeichnet – und die den Kern bilden, was wir als Klimawandel bezeichnen.

Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich mit Fragen des Extraktivismus und des Klimawandels. Der Ausgangspunkt dafür war eine persönliche Erfahrung: Der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, in den zentralen Anden Chiles, wurde durch das Bergbauunternehmen Anglo American bedroht. Das Unternehmen verschmutzte das Wasser, und meine Mutter bekam gesundheitliche Probleme, die direkt mit der Giftbelastung des Wassers zusammenhingen, das sie trank. Diese konkrete Erfahrung von Bedrohung und Verschmutzung und die mögliche Vertreibung der Gemeinschaft meiner Mutter haben meinen Blick auf Wasser verändert.

In westlich-naturalistischen Vorstellungen wird Wasser als Ding, als Materie, als Ressource, als H₂O verstanden. Das Bergbauunternehmen benutzte eine Sprache, die das, was meiner Mutter und ihrer Gemeinschaft widerfuhr, überhaupt erst möglich machte: Es sprach von Wasser als Ressource und nicht als etwas, das das Leben meiner Mutter und ihrer Gemeinschaft trägt. Ich begann zu verstehen, dass diese westlich-naturalistische Sprache und Vorstellung von der Welt den Bergbau und die Ausbeutung in meiner Herkunftsgemeinschaft überhaupt erst ermöglichte.

Daraufhin begann ich, mich intensiver mit anderen, nicht-westlichen und nicht-naturalistischen Vorstellungen von Wasser auseinanderzusetzen. Dabei kam ich mit unterschiedlichen Denk- und Praxistraditionen in Kontakt, die in Abya Yala bis heute lebendig sind – etwa afro-diasporische, afro-brasilianische, afro-mexikanische, Mexica-, Maya-, Mapuche- und Aymara-Traditionen.

Mein Interesse ist es, Verbindungen zwischen diesen unterschiedlichen Vorstellungen von Wasser sowie anderen Elementen und der aktuellen Forschung zum Klimawandel herzustellen. Daraus möchte ich neue, vergangen-zukünftige Mythologien entwickeln, die es ermöglichen, diese Krise nicht nur intellektuell zu verstehen, sondern körperlich spürbar zu machen.

Kannst du uns mehr zur Entstehungsgeschichte deines Stücks erzählen?

Yemanjá, im spanischsprachigen Raum auch Yemayá genannt, ist die Protagonistin dieser Arbeit. Sie ist eine Yoruba-Gottheit des Ozeans, die im Bauch eines Schiffes den Atlantik überquerte – getragen von versklavten Menschen, die von europäischen Kolonisatoren gewaltsam aus Westafrika auf den amerikanischen Kontinent verschleppt wurden. In den Amerikas speiste ihre Zwangsarbeit die Akkumulation europäischen Kapitals durch die Ausweitung von Monokultur-Plantagen. Dort wurde Yemanjá zu einem Symbol des antikolonialen Widerstands.

Ich interessiere mich für Yemayá, weil ich mich mit dem heutigen Zustand der Ozeane beschäftige und dazu bereits mehrere Arbeiten entwickelt habe. Sie ist eine Ahnin des Ozeans.

Wie würde sich unser Verhältnis zum Ozean verändern, wenn wir ihn als Ahnin verstehen würden?
Amanda Piña

Welche weiteren Fragen oder Themen hat die Arbeit bei dir aufgeworfen? Woran möchtest du weiterarbeiten?

Ich möchte weiterhin vergangen-zukünftige Mythologien als alternative Narrative entwickeln, um unsere Gegenwart zu verstehen.

Ich möchte weiterhin daran arbeiten, diese Krise körperlich spürbar zu machen und sie über andere Zugänge und andere Narrative erfahrbar und verständlich werden zu lassen. Wie bereits gesagt, möchte ich die Möglichkeit weiterverfolgen, jene Narrative zu durchbrechen, die diese Zerstörung überhaupt erst hervorbringen.

Außerdem möchte ich meine Praxis des Webens und meine Auseinandersetzung mit anderen Wesenheiten des Wassers vertiefen, etwa mit der Maya-Gottheit Ixchel. Einer meiner Namen –Latinxs haben meist mehrere Namen – ist Xcaret, ein Maya-Toponym, also der Name eines Ortes, der historisch mit der Verehrung von Ixchel auf der Insel Cozumel verbunden war. Ixchel ist eine sehr alte Wesenheit des Wassers – und sie ist auch eine Weberin!

Wie sind deine Materialien bzw. das Bühnenbild entstanden?

Seit einigen Jahren arbeite ich in meinen Stücken mit handgewebten Netzen. Sie entstehen in einer Tradition, die ihren Ursprung in der Karibik hat und von Maya-Weber:innen auf der Halbinsel Yucatán weitergeführt wird, wo Familie habe. Diese Netze wurden zum Schlafen und Ausruhen verwendet. Wenn ich als Kind meine Familie besuchte, schlief ich darin im Palmenhaus meiner „Madrina“ und war fasziniert von ihrer Textur und Bewegung. Das Webmuster der Netze in der Installation heißt „Wasser“.

Ich wollte schon immer mit diesem Material arbeiten und lernen, wie man es webt. Diese handgewebten Netze sind für mich ein lebendiges materielles Bild dafür, wie ich die wechselseitige Abhängigkeit allen Lebens verstehe. Es ist ein sehr formbares und zugleich sehr skulpturales Material – und doch verändert sich die gesamte Struktur, wenn man an einem einzigen Faden zieht. Es funktioniert nach dem Prinzip der Tensegrity und bewahrt seine Integrität durch Spannung. Wir haben daraus performative Skulpturen und skulpturale Objekte entwickelt, die zu Kunstausstellungen und Biennalen reisen. Sie dienen auch als Ort für Performances. Im Film sieht man eines davon in Lila – es besteht aus sechs Körpern, die sich gemeinsam bewegen.

Das andere Material, das in der Installation vorkommt, ist Rattan, eine Kletterpalme, die ursprünglich aus Südostasien stammt und durch den kolonialen Handel nach Amerika gelangte. Rattan wurde auch eingesetzt, um die Körper versklavter Menschen im Plantagensystem zu disziplinieren; kleine Stäbe wurden zur Bestrafung verwendet. In der Installation wollte ich diesem Material eine neue Bedeutung geben und es mit dem Netz in Beziehung setzen. Das Netz wiederum steht für Ruhe, Fürsorge und einen Widerstand gegen den Imperativ der Produktivität im kolonialen Regime. Eine Form von Chrono-Widerstand.

Für Ancient Future Climate Bodies habe ich gemeinsam mit meinem Team und dem Team von brut Teile diese skulpturalen Settings entwickelt, etwa die weiche Skulptur, auf der man während des Stücks liegt. Es hat großen Spaß gemacht, daran zu arbeiten – manchmal war es auch anstrengend –, aber ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis.

Gibt es einen oder mehrere Momente im Entstehungsprozess der Arbeit, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind oder dich besonders herausgefordert haben? Warum?

Es war eine große Herausforderung, diese Arbeit zu entwickeln, weil der kreative Prozess manchmal überraschend und unvorhersehbar ist. Ich wollte eine performative Installation realisieren, und gleichzeitig war es eine Herausforderung, ihre Anforderungen zu verstehen und alle Elemente so miteinander zu verbinden, dass eine immersive Erfahrung entstehen kann.

Die Zusammenarbeit mit dem brut-Team war eine große Freude. Das gesamte Team ist sehr kunstinteressiert; man spürt eine Leidenschaft für künstlerische Prozesse – und genau das braucht eine Institution wie diese. Das technische Team ist in dieser Hinsicht großartig: sehr detailorientiert und gleichzeitig immer auf der Suche nach Lösungen für das, was im Laufe des kreativen Prozesses entsteht. Das hat sich sehr gut angefühlt.

Kunst zu machen ist nicht immer einfach. Kunst ist ein Prozess und verläuft nicht linear. Wie ein Fluss fließt sie in Kurven. Wenn man versucht, sie zu begradigen, nimmt man ihr einen Teil ihres Potenzials.

„Kunst ist kurvig!“
Amanda Piña

Was liest du gerade?

Ein Buch von Jacobo Grinberg mit dem Titel El Doble (Das Double). Es geht um Bewusstsein und Wahrnehmung und schlägt eine Brücke zwischen westlicher Wissenschaft und mexikanischem Schamanismus.

Hast du ein Ritual?

Ich habe viele!

Amanda Piña möchte auf folgende Initiative hinweisen:

Unterzeichnung der Rechte für die Mit-Bürger*in Donau

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