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Was für eine Welt wollen wir erschaffen?
Sunggu Hong im Interview mit brut-Dramaturgin Katrin Brehm über die Arbeit Raised by the Chronic; Beyond, the Moth
„Wir gestalten diese Systeme und versuchen ständig, sie an die von uns geschaffene Welt anzupassen. Wir ziehen sie groß. Aber das Entscheidende ist: Sie ziehen auch uns groß.“
Künstler:innen
Sunggu Hong
Sunggu Hong, geboren in Seoul, arbeitet im Bereich der bildenden und darstellenden Kunst in Wien. Er studierte performative Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. „Beziehung“ ist ein zentrales Konzept in seiner künstlerischen Praxis. Ausgehend davon fragt er, wie wir innerhalb von voneinander abhängigen, verflochtenen und komplexen Beziehungen zusammenleben können/sollen und warum Ausgrenzung und Hass in diesen komplexen Beziehungen entstehen.
Interview
Lieber Sunggu, könntest du uns ein wenig über dich und deinen künstlerischen Hintergrund erzählen? Wie hat dich dein Weg zu brut geführt?
Eigentlich frage ich mich immer noch, wie ich überhaupt zur Performance gekommen bin. Ursprünglich habe ich Bildende Kunst studiert und mich zunächst mit Malerei beschäftigt. Außerdem bin ich eher schüchtern und nicht besonders gut darin, mit Menschen zu sprechen. Trotzdem gibt es etwas an Performance, das mich anzieht und neugierig macht, mehr darüber herauszufinden.
Seit ich in Wien lebe, habe ich immer wieder verschiedene Performances bei brut besucht. Irgendwann dachte ich, dass brut vielleicht ein weiterer Weg für mich sein könnte, meine eigene künstlerische Praxis weiterzuentwickeln und zu erforschen. Denn es fällt mir schwer, genau zu benennen, was ich eigentlich mache: Malerei, Installation, Bühne, Theater, Tanz, Performance … Und dann hatte ich glücklicherweise die Möglichkeit, Teil des Mentoring-Programms Huggy Bears zu werden.
„Ich möchte versuchen, unser Zusammenleben im Kontext der heutigen Welt neu zu denken.“
In Raised by the Chronic; Beyond, the Moth beschäftigst du dich mit der Frage des Zusammenlebens – nicht nur im Verhältnis zu anderen Menschen, sondern auch zu Objekten, Maschinen und anderen nicht-menschlichen Akteur:innen. Was interessiert dich an dieser Frage?
Ich möchte versuchen, unser Zusammenleben im Kontext der heutigen Welt neu zu denken. Ausgehend von Donna Haraways Überlegungen dazu, wie dem „Anderen“ in westlichen Traditionen der Herrschaft eine Funktion als Spiegel des „Selbst“ zugeschrieben wurde, versuche ich, den Blick noch einmal auf uns Menschen selbst und darauf zu richten, wie wir durch unsere Beziehungen zu nicht-menschlichen Akteur:innen leben. Manchmal ärgern wir uns über ChatGPT, wenn es nicht versteht, was wir sagen, und uns seltsame Antworten gibt. Wir gestalten diese Systeme und versuchen ständig, sie an die von uns geschaffene Welt anzupassen. Wir ziehen sie groß. Aber das Entscheidende ist: Sie ziehen auch uns groß. Sie vermitteln uns Wissen und Perspektiven, die wir selbst hervorgebracht haben, und reproduzieren möglicherweise die Welt, die wir geschaffen haben. Wenn das so ist, müssen wir uns vielleicht fragen, was für eine Welt wir bisher aufgebaut haben und welche Welt wir aktuell erschaffen wollen.
Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie ist eine wichtige Referenz in deiner Performance. Du hast die Sinfonie einmal an einem Bahnhof in Seoul gehört. Kannst du uns mehr über diesen Moment erzählen? Was hat dieses Erlebnis in dir ausgelöst?
In Korea habe ich mehr Zeit am Bahnhof Seoul verbracht als in meinem Atelier an der Universität. Da ich über unsere Welt spreche, hatte ich das Gefühl, diese Welt auch mit meinem eigenen Körper erfahren zu müssen. Dort waren viele obdachlose Menschen. Das fühlte sich sehr seltsam an: alles, was mir bisher erzählt und beigebracht worden war, unterschied sich von dem, was ich dort sah. Es war, als würde mir die Welt sagen: Wir wollen nicht, dass alle glücklich sind. Ich habe dort viele Menschen kennengelernt. Gemeinsam haben wir über unser Leben, unsere Welt und eine bessere Welt gesprochen. Während ich dort diese Musik hörte, fragte ich mich oft, warum wir alle so unterschiedliche Leben führten. Diese Frage stelle ich mir auch zehn Jahre später noch. Natürlich braucht es vielschichtige Perspektiven, um sich dieser Situation anzunähern.
Die Sinfonie ist eng mit Vorstellungen von Freude, Gemeinschaft und universellem Humanismus verbunden. Wie setzt du dich aus einer dekolonialen Perspektive mit diesen Ideen auseinander?
Ich denke, dass Kolonialität als Machtmechanismus vielleicht niemals verschwinden wird. Sie prägt weiterhin unser Leben und unsere gesellschaftlichen Systeme und verändert und adaptiert dabei bis heute ihre Erscheinungsformen. Eine dekoloniale Perspektive bedeutet für mich vielleicht, die Perspektiven, Werte und Weltanschauungen, mit denen wir aufwachsen und die uns oft unbewusst vermittelt werden, immer wieder zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Während unsere Welt durch technologische Entwicklungen immer stärker vernetzt wird, wird auch das Konzept des universellen Humanismus zunehmend komplexer. Wenn diese Symphonie als herausragendes Werk gilt – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie einen Chor einbezieht – könnte sie vielleicht einen Ausgangspunkt dafür bieten, neu darüber nachzudenken, wie sie in der Welt, in der wir heute leben, neu interpretiert werden kann.
Da sich deine Arbeit mit unterschiedlichen Formen des Zusammenseins beschäftigt, möchte ich dich fragen: Was wünschst du dir für unsere zukünftigen Formen des Zusammenlebens?
In letzter Zeit denke ich darüber nach, dass das Wort „Zusammen“ etwas sehr Gewaltsames enthalten kann. Genauso wie das Wort „Liebe“. Ich frage mich, ob Liebe nicht vielleicht etwas mit Hass gemeinsam hat, da beide bestimmte Eigenschaften teilen: Sie dringen tief in das andere ein, greifen in es ein und versuchen manchmal sogar, es zu kontrollieren. Trotzdem habe ich auch gedacht, dass das Wort „Liebe“ vielleicht immer noch das Wort „Hoffnung“ in sich trägt. In diesem Sinne könnte vielleicht auch das Wort „Zusammen“ in eine andere Richtung weisen, selbst wenn diese ungewiss bleibt.
Wir sind wirklich seltsam. Wir lieben einander, aber gleichzeitig können wir einander auch zutiefst hassen. Ich glaube, dass ich vielleicht niemals eine Antwort auf die Frage finden werde, wie wir zusammenleben sollten. Aber vielleicht kommt es vielmehr darauf an, wie lange wir an dieser Frage festhalten können.