Offener Brief zur aktuellen Situation brut im Künstlerhaus

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Kira Kirsch zur Pressekonferenz der Wiener Perspektive am 12.11.2019 vor dem Künstlerhaus am Karlsplatz.

Liebe Freundinnen und Freunde von brut, 

Seit Beginn dieser Saison wurde die Situation von brut im Künstlerhaus immer wieder medial thematisiert. Gerade in den letzten Tagen sind erneut etliche Fragen aufgetaucht – nicht nur bezüglich des Verbleibs von brut im Künstlerhaus, sondern ganz grundsätzlich zu seiner Zukunft. Wir möchten in diesem offenen Brief ausführlich auf die aktuelle Situation eingehen. Die Ausführlichkeit ist nötig, um die komplexe Lage und den derzeitigen Prozess abzubilden, in dem brut sich befindet.
Vorab sei aber in aller Kürze festgehalten: brut als international agierendes Koproduktionshaus in Wien wird auch künftig über einen eigenen Spielort verfügen. Für diese verbindliche Zusage von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler haben wir uns bei der Stadt erfolgreich eingesetzt.

Generalsanierung Künstlerhaus…

Zur Erinnerung: 2016 kam es mit dem Eintreten der Haselsteiner Familien-Privatstiftung zu einem Eigentümerwechsel im Künstlerhaus, das bis dahin im alleinigen Besitz der Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs war. Die daraus resultierende, noch laufende Generalsanierung wird auch Auswirkungen auf die künftige Nutzung des Künstlerhauses haben – so sollen sich nach Abschluss der Sanierung Albertina Modern, die Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs, das Stadtkino sowie brut die Räumlichkeiten teilen. Dazu wird ein neuer Gastgarten auf dem brutVorplatz entstehen. Das heißt: Das Künstlerhaus nach der Generalsanierung wird nicht mehr dem Künstlerhaus der vergangenen Jahrzehnte entsprechen. Vor allem werden sich die Nutzungsbedingungen für den Theaterbetrieb wesentlich verändern. Ob diese neuen Bedingungen einen reibungslosen Theaterbetrieb für brut erlauben werden, ist bis dato nicht restlos geklärt. Das Künstlerhaus ist nicht nur ein symbolträchtiger Ort, sondern auch ein Ort, dem die gesamte freie Szene stark verbunden ist – eine Verbundenheit, die auch wir teilen. Deswegen war unser Ziel von Anfang an, nach der Sanierung wieder ins Künstlerhaus zurückzukehren –allerdings nur unter Rahmenbedingungen, die den Bedürfnissen und Erfordernissen der Künstler*innen und brut tatsächlich entsprechen und die Arbeitsprozesse nicht einschränken. Für optimale Rahmenbedingungen kämpfen wir derzeit noch immer. 

Kosten und Konditionen…

So sind wir seit dem Beginn der Sanierungsmaßnahmen in Verhandlung mit der neuen Künstlerhaus Besitz- und Betriebsgesellschaft (KBBG) über - die im Theater nötigen Sanierungsmaßnahmen und Kosten - die Konditionen der künftigen Nutzung Zum Jahreswechsel 2018/19 wurden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass aufgrund von Maßnahmen, die dazu dienen, den heutigen baurechtlichen Bestimmungen zu entsprechen, die Kosten von rund zwei Millionen Euro auf über fünf Millionen Euro gestiegen sind. Waren die ursprünglichen zwei Millionen Euro durch die Stadt Wien und brut selbst finanziert, sind die neuen Sanierungskosten noch nicht gedeckt. Parallel dazu haben wir die Konditionen einer künftigen Nutzung mit der Vermieterin Künstlerhaus Besitz- und Betriebsgesellschaft (74 % Haselsteiner Familien-Privatstiftung und 26 % Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs) auf den Weg gebracht, diese sind aber in einigen entscheidenden Punkten noch nicht restlos geklärt: So müssen die programmatische Freiheit von brut sowie professionelle Bedingungen für Proben und Aufführungen der künstlerischen Projekte für die nächsten Jahrzehnte gesichert sein.

Die Beantwortung der Frage, im Künstlerhaus zu verbleiben oder nicht, wird durch die enorme Kostensteigerung von drei Millionen Euro in Verbindung mit den nicht geklärten Konditionen extrem erschwert. Der Eigentümer und Vermieter KBBG will für diese zusätzlichen Kosten nicht aufkommen. Aus dem laufenden brut-Budget kann eine solche Summe unmöglich finanziert werden. Und generell muss bei einer Investition von fünf Millionen Euro in ein Mietobjekt, für dessen Bespielung optimale Bedingungen nicht garantiert sind, die Frage der Sinnhaftigkeit gestellt werden.

Gibt es Alternativen?

Anfang 2019 haben wir Gespräche mit dem Bund bezüglich einer Nutzung des ehemaligen TBA21- Areals im Augarten aufgenommen. Dieses war im März 2019 bereits erfolgreicher Austragungsort der 30-Jahr-Jubiläumsausgabe des Festivals imagetanz. Das Feedback von Künstler*innen, Publikum, Team und Presse war extrem positiv – man kann sagen, hier hat sich eine dem Künstlerhaus ebenbürtige Alternative eröffnet. Der Entscheidungsprozess des Bundes über die endgültige Vergabe des Areals läuft derzeit noch. Unser ernsthaftes Interesse ist deponiert und wir sind in laufenden Gesprächen. Darüber hinaus verfolgen wir permanent auch andere Optionen, wobei sich vorerst noch keine konkreten Alternativen eröffnet haben.

In diesem gesamten Prozess handelt brut, als de facto „Theater der Stadt“, in enger Abstimmung mit dem Stadtratsbüro und der Kulturabteilung der Stadt Wien. Es besteht Einigkeit darüber, dass das Koproduktionshaus brut als Basis des Produzierens einen möglichst zentralen und professionell ausgestatteten Spielort braucht und bekommen wird. brut wird in diesem Prozess von der Stadt über die gesamte Zeit aktiv unterstützt.

Was passiert in der Zwischenzeit?

Wie in den letzten beiden Spielzeiten werden wir, neben dem studio brut, auch in dieser Saison verstärkt freie künstlerische Projekte an unterschiedlichen Orten und Theatern koproduzieren. Dabei zeigte und zeigt sich, dass brut auch ohne eigenes Theater und trotz aller daraus resultierenden Widrigkeiten erfolgreich mit und für die Freie Szene in Wien arbeitet. Und das bei gleich vielen Koproduktionen, mehr Spieltagen und großem Publikumszuwachs. Damit ist brut der freien darstellenden Kunst in Wien ein starker und verlässlicher Partner geblieben. Allerdings unter einem hohen Maß an Kraftaufwand und Improvisationsgeschick, das auf Dauer kaum stabil zu leisten ist. Deshalb brauchen wir als Institution und für die lokalen Künstler*innen so schnell wie möglich wieder ein eigenes Haus an einem zentralen Ort. Dafür setzen wir uns weiterhin mit aller Kraft ein. In diesem Sinne appellieren wir nicht nur an Eure Geduld, sondern hoffen vor allem auf Eure Unterstützung bei allen Herausforderungen, die uns bevorstehen.

Kira Kirsch & Richard Schweitzer
Geschäftsführung brut Koproduktionshaus Wien

Wien, 2. November 2019

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Aktuelle Spielorte

studio brut, Zieglergasse 25, 1070 Wien

studio brut

Zieglergasse 25, 1070 Wien
U-Bahn: U3 (Zieglergasse), Tram: 49 (Westbahnstraße / Zieglergasse)

November 2019
the que_ring drama project
Dark Revolutions
November 2019
IG Freie Theaterarbeit
Staying Alive – Meine Rechte als Künstler_in
November 2019
Olga Flor, Veronika Hofeneder & Marie-Noëlle Yazdanpanah
100 Jahre Aufbruch?
Dezember 2019
Roland Rauschmeier
Timon
Dezember 2019
Handle with care mit Simon Mayer

brut im Villa Vida Café

Linke Wienzeile 102, 1060 Wien
U-Bahn: U4 (Kettenbrückengasse), Bus: 13A, 14A (Pilgrambrücke)

November 2019
A queer journey through the night

brut im Gewerbehaus

Rudolf-Sallinger-Platz 1, 1030 Wien
U-Bahn: U4 (Stadtpark)

November - Dezember 2019
Nesterval
Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm

brut in der Galerie die Schöne

Kuffnergasse 7, 1160 Wien
Tram: 9, 46 (Feßtgasse) Bus: 10A (Schuhmeierplatz)

November - Dezember 2019
Tania El Khoury
Gardens Speak